"Seelenvogel" (Papyrus des Ani)

 

 

 

Wesensbestandteile des Menschen

 


Erläuterungen (Hieroglyphen):

(1) Ein Paar erhobener Arme (KA)

(2) Seelenvogel mit Weihrauchgefäß (Vogel mit Menschenkopf als Darstellung der Seele)

(3) Schopf-Ibis (Darstellung der göttlichen Kraft)

(4) CHNUM (widderköpfig)


 

Gemäß ägyptischen Glaubensvorstellungen formt der Schöpfergott CHNUM einen Menschen auf der Töpferscheibe und versieht ihn mit Lebenskraft (Ka), Seele (Ba) sowie Geist oder göttlicher Kraft (Ach). Chnum wird in widderköpfiger Menschengestalt dargestellt (s. "Neunheit" [E]). Sein Beiname ist "belebender Bildner".

Die "Ka"-Lebenskraft - da mit dem Körper verbunden - benötigt ebenso wie dieser Nahrung zur Erhaltung. Der "Ka" ist eine Art Doppelgänger des Menschen, der auch nach dessen Tod weiterlebt.

Die "Ba"-Seele in Gestalt des Seelenvogels kann sich aus dem Grab entfernen und sich wieder dorthin zurückbegeben. Der Ba wird seit dem Ende des AR zum Inbegriff der unvergänglichen Kräfte.

Der "Ach"-Geist (göttliche Kraft) wird als unveränderlich und ewig betrachtet. Der Ach ist die Form, in der sich die verklärten Toten in der Unterwelt aufhalten. Ba und Ach können auch in der Gestalt des Verstorbenen auftreten.

Dem Verstorbenen wird häufig eine Statue seiner selbst mit ins Grab gegeben als Ersatzkörper. Falls seine Mumie später einmal beschädigt oder gar zerstört werden sollte, dient diese Statue dann als Wohnsitz des Ka. Von besonderer Bedeutung für den Menschen ist sein Name! Auch der Name kann, wie die Statue, als Ersatzkörper fungieren.

Es ist also für den Verstorbenen äußerst wichtig, daß in seiner Grabkammer Abbildungen der 3 (auch in der Jenseitswelt erforderlichen) Kräfte - Ka, Ba, Ach - vorhanden sind sowie auch (reale oder bildliche) Opfergaben für den Ka. Ebenso wichtig ist die (mehrmalige) Nennung seines Namens in den Wandmalereien; denn in seinem Namen lebt der Verstorbene ewig weiter!

Ka, Ba und Ach sind die 3 mit der geistigen (spirituellen) Welt verbundenen Wesensbestandteile des Menschen, während der Leib, der Name und der Schatten die 3 mit der materiellen Welt verbundenen sind.

Erläuterungen (Hieroglyphen):

Leib: 1. Bauch eines Tieres mit Zitzen und Schwanz + Determinativ-Strich, d.h. die Hieroglyphe bedeutet das, was sie darstellt (CHT, "chet": "ch" wie in "ich"; "chet" = Bauch, Körper, Leib); 2. Brotlaib (T; Konsonanten-Wiederholung zu 1). Zu lesen: CHET

Name: 1. Mund (R); 2. Wasserlinie (N; "en"); 3. sitzender Mann (Determinativ: hier für "[mein persönlicher] Name"). 1.+2.: RN, "ren". Zu lesen: REN

Schatten: 1. Gartenteich (SCH); 2. Wachtelküken (W = U); 3. Brotlaib (T); 4. Sonnenschirm (Ideogramm für Schatten, Schutz). Zu lesen: SCHUT


Der Leib (äg. "chet"; "ch" wie in "ich") ist der materielle Wesensbestandteil des Menschen und muß für das Überleben und Weiterleben in der Unterwelt so gut wie nur möglich konserviert (mumifiziert) werden, damit er weiterhin als "Wohnsitz" für Ka und Ba dienen kann.

Der Name (äg. "ren") gilt ebenfalls als Wesensbestandteil des Menschen und muß ihm schon bei der Geburt gegeben werden (weil befürchtet wird, daß der neue Erdenbürger sonst "nicht richtig" ins Leben treten könne). Er ist für das Überleben unentbehrlich, da der Verstorbene in seinem Namen weiterlebt (s.o.).
Durch das bewußte Auslöschen des Namens z.B. auf Statuen - als "Usurpation" bezeichnet - soll der Vorbesitzer aus politischen oder religiösen Gründen der "damnatio memoriae" (der "Verdammung des Andenkens") anheimfallen; manchmal spielen aber auch ganz profane Gründe eine Rolle, nämlich Kosten- und Materialersparnis.

Der Schatten (äg. "schut"), ein weiterer Wesensbestandteil des Menschen, ist auch für das Überleben wichtig, um den Menschen vor Übel zu schützen. Die Hieroglyphe "schut" bedeutet sowohl "Schatten" als auch "Schutz" (z.B. wird der Pharao unter dem Schutz eines Palmwedels, also im Schatten, dargestellt).
Nebenbei bemerkt werden die Sonnenheiligtümer des NR "Sonnenschatten" oder "Schatten des Ra" (äg. "Schut-Ra") genannt.

 

 

Totengericht


Auf dem Weg in die Unterwelt passiert der Verstorbene die "Halle der beiden Gerechtigkeiten" ("der beiden Maat"; d.h. der vollständigen Maat des Diesseits und des Jenseits); dort tagt das Gericht des Osiris mit den 42 Richter-Gottheiten, vor denen der Verstorbene die "negative Konfession" (das "negative Schuldbekenntnis", das aus 42 Vergehen besteht) ablegt. Darauf führt Anubis den Toten zur Waage der Gerechtigkeit, wo dessen Herz gegen die Feder der Maat aufgewogen wird; Thot notiert das Ergebnis. Wenn der Tote die Wahrheit gesagt hat, bleibt sein Herz, das nicht lügt, im Gleichgewicht mit der Feder; er ist dann "gerechtfertigt" ("wahr an Stimme") und wird von Osiris in die "Jaru-Gefilde" (das ägyptische "Paradies") geleitet.

Erläuterungen (Hieroglyphen):

(1) 1. Sichel mit Statuenbasis (MAA; "maa" = wahr); 2. Arm (A; Konsonanten-Wiederholung zu 1); 3. Plazenta? (CH; wie in "Buch"); 4. Mund (R); 5. Ruder (CHRU; "cheru" = Stimme; "ch" wie in "Buch"; CHR: Konsonanten-Wiederholungen zu 3+4); 6. Wachtelküken (U; Konsonanten-Wiederholung zu 5); 7. sitzender Mann mit Hand am Mund (Determinativ für "denken, fühlen").
Zu lesen: MAA-CHERU

(2) etwas verkürzt (ohne "Wachtelküken"), sonst wie (1)

(3) nochmals verkürzt; 1. Hieroglyphe: Sichel (MA); 2. Statuenbasis (MAA); 3.+4. s. (1)

(4) weiter verkürzt (ohne "Sichel"), sonst wie (3)

(5) noch weiter verkürzt (ohne "Arm"; "Ruder" aus ästhetischen Gründen horizontal unter der oberen horizontalen Hieroglyphe).

Ob "übermäßig" (pleonastisch) ausgeschrieben oder verkürzt (in verschieden stark gekürzten Ausführungen): die alten Ägypter, sofern schreib- und lesekundig, können immer "maa-cheru" daraus herauslesen. So flexibel ist die ägyptische Orthographie!

 

Totenopfer

 

Normalerweise hat der (älteste) Sohn die Pflicht, für die Eltern den Opferdienst zu verrichten, d.h. den Ahnenkult aufrechtzuerhalten und für die Nahrung der Toten zu sorgen.
Der König und seine Würdenträger unterhalten eigene (bezahlte) Opferpriester ("Diener des Ka") für diesen Zweck. Auch (vermögende) Privatleute halten sich einen solchen Priester.
Zur Sicherheit werden dem Toten die für das jenseitige Leben notwendigen Nahrungsmittel auf die Grabwände gemalt und Formeln hinzugefügt, die die Lebensmittel im Jenseits magisch real werden lassen sollen. Es genügt auch, wenn ein Lebender eine entsprechende Formel über dem Grab für den "Ka" spricht, damit dieser die für sein Überleben notwendige Nahrung finden kann.

In den Opferformeln werden die Opfergaben immer als vom König kommend bezeichnet ("ein Opfer, das der König gibt"). Eine häufige Opferformel lautet (gekürzt): "Ein Opfer, das der König dem Osiris gibt (...), ein Totenopfer von Brot und Bier, Fleisch und Geflügel, Alabaster und Kleidern, allen guten und reinen Dingen, von denen ein Gott lebt, dem Geist des NN (Name des Toten), dem Gerechtfertigten." Das Opfer an Osiris ist ein Geschenk des Königs, das durch die Stimme erschaffen wurde, für den Geist des Toten.

Totenopfer = ägypt. peret-cheru (wörtlich: "Hinausgehen der Stimme")

Erläuterungen (Hieroglyphen):

(1a) s. (1b)
(1b) 1. Binse (SU); 2. Brotlaib (T); 3. Wasserlinie (N); Aussprache: nesu, das "t" wird nicht mitgesprochen; es stammt anscheinend aus einer alten Formel und bedeutet mit dem Zeichen "su" "zur Binse (d.h. OÄ) gehörig". Da sich "su" auf den König bezieht, steht dieses Zeichen am Anfang der Opferformel. Zu lesen : NESU ("nesu" = König).
4. Brot auf Matte (HTP, "hetep"); 5. Brotlaib (T); 6. Hocker (P); 5.+6.: Konsonanten-Wiederholungen zu 4; Aussprache: HETEP ("hetep" = Opfer); 7. Brotrolle (Determinativ); 8. Spitz-, Opferbrot (DI; "di" = geben).
Insgesamt zu lesen: HETEP-DI-NESU

(2) 1. Haus (PR), hier: das Hinausgehen (PRT; "peret"); 2. Ruder (CHRU; "cheru" = Stimme; "ch" wie in "Buch"); 3. Brot (Determinativ); 4. Bierkrug (Determinativ für Bier). "Brot und Bier" ist ein feststehender Begriff und kann sich auch auf andere Nahrungsmittel beziehen.
Insgesamt zu lesen: PERET-CHERU

 

 

Totentexte

 

(1) Pyramidentexte:

 

Die Pyramidentexte sind die ältesten Totentexte; sie befinden sich auf den Wänden der Grabkammern der Pyramiden des AR (z.B. in der Pyramide des Unas, 5. Dyn.). Diese Textsammlung besteht aus ca. 800 Sprüchen.

Es gibt mehrere Gruppen von Sprüchen; u.a. beziehen sich einige auf den Sonnenkult (wahrscheinlich von den Priestern von Heliopolis verfaßt); andere sind eine Art "Zauber-Sprüche", die den Verstorbenen vor Schaden bewahren sollen; eine weitere befaßt sich mit den verschiedenen Bestattungsritualen für den (auferstandenen) Pharao, der zum Osiris wird.

In diesen Texten ist das Mundöffnungs- und Opferritual aufgezeichnet.

Mundöffnungszeremonie (Vignette zu Kap. 23 des Totenbuches)
(Papyrus des Hunefer) (Britisches Museum London)

(2) Sargtexte:

 

Die Sargtexte (eine Sammlung von über 1000 Sprüchen) leiten sich z.T. von den Pyramidentexten her; sie sind besonders im MR gebräuchlich. Mit dem Zusammenbruch des AR tritt eine "Demokratisierung" der Jenseitsvorstellungen ein, d.h. "das Jenseits steht jetzt für jedermann offen"!

Die Texte, eine Art "Jenseitsführer", sind hauptsächlich auf Särgen und Sarkophagen in Privatgräbern zu finden; sie sollen das Überleben im Jenseits garantieren.

Sarg des Generals Sepa (Deir el-Berscheh, 12. Dyn.)
(Ägyptisches Museum Kairo) (Quelle: "Tour Egypt")

General Sepa (Sepi) ist Oberbefehlshaber des Heeres des 15. oä. Gaues ("Hasengau"). Die Abbildung zeigt den rechteckigen äußeren Sarg des Sepa aus Deir el-Berscheh (Friedhof von Chemenu = Hermopolis; s. auch "Neunheit": B. Achtheit). Außer den Totentexten befinden sich auf dem Sarg in Augenhöhe des Verstorbenen die magischen Augen; auf der hübschen Abbildung in der Mitte ist der Verstorbene mit seinem Hund an der Leine zu sehen.
(Zu Sepa s. auch "Schebenu": [14] Sarg des Sepa)

"Hund an der Leine" (vergrößerter Ausschnitt aus
vorhergehender Abb.) (Quelle: "Tour Egypt")


(3) Totenbuch:

 

Die Sprüche des sog. Totenbuches (wörtlich: "Sprüche vom Herausgehen am Tage") befassen sich z.B. mit dem Totengericht, dem Leben im Jaru-Gefilde und dem "negativen Sündenbekenntnis" (s.o., "Totengericht"). Das Totenbuch, in dem viele Sprüche aus den Sargtexten enthalten sind, wird besonders im NR geschätzt. Die ersten Sprüche dieser Textsammlung haben meist die Bestattungsriten und das Mundöffnungsritual zum Inhalt.

Das Totenbuch besteht aus 190 Sprüchen od. "Kapiteln", von denen etwa die Hälfte aus den Pyramiden- bzw. Sargtexten übernommen worden ist.

Die Texte, mit hübschen Illustrationen (sog. Vignetten) versehen, werden auf Papyri geschrieben und dem Verstorbenen mit ins Grab gegeben - in den Sarg oder Sarkophag, zwischen die Mumienbinden oder in besondere Kästchen.
Im Totenbuch finden sich auch Hymnen an Re (Himmel) und Osiris (Duat = Unterwelt).

Die Ba-Seele ("Seelen-Vogel") verläßt den Körper
des Verstorbenen (Papyrus des Ani)
(Quelle: http://www.niki-go.de)

In Kap. 42 des Totenbuches sind u.a. die Götter aufgelistet, die für die einzelnen Körperteile als Schutzgötter ("Körpergötter") zuständig sind (Quelle: "Ägyptisches Totenbuch" von G. Kolpaktchy):

"Wohlan! Schaue!
Das Haar meines Hauptes, es ist NUNs Haar.
Mein Antlitz ist die Scheibe der Sonne [RE].
In meinem Augenstrahl lebt HATHORs Mut.
In meinen Ohren erklingt UPUAUTs Seele.
In meiner Nase schwingt CHENTI-CHAS´ [HORUS?] Tatkraft.
ANUBIS´ Lippen sind meine Lippen.
SERKETs Zähne sind meine Zähne.
ISIS´ Hals ist mein Hals.
Meine Hände gehören dem großen Gebieter von Djedu [ANEDJTI, OSIRIS].
In meinen Armen lebt NEITH, die Göttin von Saïs.
Und SETH, er webt in meinem Rückgrat.
Mein Phallus, ein Leibesglied von OSIRIS.
Meine Leber gehört dem Fürsten [PTAH] von Cher-Aha [Memphis].
Herr der Schrecken [NEB-NERU, löwenköpfiger Genius] lebt mir in der Brust.
In meinem Bauch wirkt die gewaltige SACHMET.
Im Gesäß ist tätig das Auge des HORUS.
NUTs Beine sind meine Beine.
PTAHs Füße sind meine Füße.
Des doppelten göttlichen Falken Krallen sind meine Finger.
Wahrlich! In jedem Glied meines Körpers
Lebt eine Gottheit; und THOT
Beschützt und pflegt das Ganze."

 

Wägung des Herzens (Papyrus des Hunefer)
(Vignette zu Kap. 125 des Totenbuches)

In obiger Szene ist das Totengericht dargestellt: das Herz des Verstorbenen (linke Waagschale) wird gegen die Feder der Maat (rechts) aufgewogen; Anubis prüft das Ergebnis der Wägung und Thot notiert es. Wenn das Herz schwerer wiegen würde als die Feder der Maat, würde es von der Unterwelt-Dämonin Ammit (einem Mischwesen aus Löwentorso, Nilpferdhinterteil und Krokodilskopf) gefressen werden. Der Verstorbene erlitte damit den sog. "Zweiten Tod" und wäre dadurch endgültig vernichtet.

Gesamtbild der Wägung des Herzens (Papyrus des Hunefer) (Quelle: "Tour Egypt")

 

(4) Zweiwegebuch:

 

Dieses "Buch" wird im MR - ab dem Ende der 11. Dynastie - verwendet. Es ist eine Sammlung von Formeln, die den Verstorbenen auf seiner Jenseits-Reise begleiten und unterstützen sollen (ebenfalls eine Art "Jenseitsführer").

Am Beginn seiner Reise steht der Verstorbene vor einem Feuersee: er kann sich hier für den Wasser- oder Landweg nach Ra-Setjau (Ro-Setau; s. "Gottheiten 1", Sokar) entscheiden, den Eingang zur Welt des Osiris.

Das "Zweiwegebuch" enthält die meisten Informationen über die Unterwelt. Es ist fast nur auf Särgen aus Deir el-Berscheh, einer Nekropole von Hermopolis, überliefert (um 2000), wo sich die Gräber führender Familien des Gaues von Hermopolis befinden.

Sarg des Arztes Gua (Deir el-Berscheh, 12. Dyn.)
(Britisches Museum London) (Quelle: "Tour Egypt")

Gua ist einer der Leibärzte des Gaufürsten Djehutihotep (Fürst des 15. oä. Gaues; ca. 1870-1830; 12. Dyn.). Obige Abbildung zeigt das Innere des äußeren Sarges des Gua mit Zeichnungen (Zweiwege-Karte) und Texten. Wegen der Karten und sonstiger Darstellungen bezüglich der Unterwelt kam es zu der modernen Bezeichnung "Zweiwegebuch" für diese Art von Sargtexten. Der Sarg stammt aus Deir el-Berscheh, der Nekropole von Chemenu (grch. Hermopolis), der Stadt des Gottes der Weisheit Thot (Djehuti).

 

Auf den Wegen der Unterwelt, wie in diesem Buch beschrieben, wandeln nicht nur der Verstorbene und der Sonnengott, sondern auch der Mond als der Gott Thot (sicherlich im Zusammenhang mit seiner Funktion als Stadtgott von Hermopolis; s. auch "Neunheit von Heliopolis" [B] + "Gottheiten 2").

 

(5) Amduat:

 

Das Amduat (äg. "imi-duat"; wörtlich: "das, was in der Duat = Unterwelt ist") ist quasi die Fortsetzung des Zweiwegebuches und seit dem NR gebräuchlich. Der Originaltitel lautet: "Schrift des Verborgenen Raumes".

Das Amduat beschreibt die "Topographie der Unterwelt", die ein Abbild der Welt der Lebenden darstellt mit Flüssen, Regionen und Städten, bewohnt von Göttern, Dämonen und den Seelen der Toten. In der Vorhalle (Vestibül) des Grabes Thutmosis´III. im Tal der Könige befindet sich eine Liste der 741 Götter der Duat (Unterwelt).

Das Thema des Buches ist die 12-stündige Nachtfahrt des Sonnengottes Ra (Re) durch die Unterwelt, die in 12 Abschnitte geteilt ist, deren jeder einer Stunde entspricht.
Im Amduat wird die Sonne im Bild der (Sonnen-)Barke dargestellt.

Die 4. Stunde des Amduat (Grab Thutmosis´III.)
(Quelle: http://members.tripod.com/~ib205/kv34.html)

In der 4. Nachtstunde wird der Wasserweg der Sonnenbarke durch einen im Zickzack verlaufenden Sandweg, der durch Pforten versperrt ist, unterbrochen.

 

Der erste Beleg des "Amduat" findet sich im Felsengrab Thutmosis´I. (18. Dyn.), Vater der Hatschepsut. In der 21. Dynastie (ab 1000) wird das "Amduat" auch in Privatgräbern, auf Totenpapyri und auf bemalten Särgen von Amunpriestern in Theben verwendet.

 

(6) Weitere Unterwelts- und Himmelsbücher:

 

"Höhlenbuch" (Sonne als Scheibe dargestellt; ausführlichste Beschreibung der Unterwelt, die aus zahlreichen "Höhlen" oder "Grüften" besteht; Schilderung der Strafen für die Verdammten). Das "Höhlenbuch" ist seit Merenptah (19. Dyn.; um 1200) belegt.

Schlußbild des Höhlenbuches (Grab der Tausret)
(Quelle: "Tour Egypt")

Im Schlußbild des Höhlenbuches wird der nächtliche Lauf der Sonne zusammengefaßt: er führt durch Dunkelheit und Gewässer (schwarze und blaue Zonen auf den Dreiecken). Die Aspekte der Sonne (des Sonnengottes) werden durch das widderköpfige geflügelte Wesen wiedergegeben.

 

"Pfortenbuch" (Sonne als Barke dargestellt; die einzelnen Bereiche der Unterwelt werden durch Türen oder "Pforten" voneinander abgegrenzt; der Name "Pfortenbuch" stammt von dem frz. Ägyptologen G. Maspero). Das "Pfortenbuch" ist kurz nach 1400 entstanden (Besonderheit: Schlußbild mit Sonnenlauf). Die älteste erhaltene Fassung stammt aus der Sargkammer des Haremhab (18. Dyn.; um 1300). Ein vollständiges Exemplar findet sich auf dem Alabaster-Sarkophag Sethos´I. (19. Dyn.). Im "Pfortenbuch" ist die berühmte Darstellung der 4 Menschenrassen (Ägypter, Asiaten, Nubier und Libyer) im Jenseits zu finden.

Pfortenbuch: 12 Nachtstunden (Grab Ramses´IV.)
(Quelle: "Tour Egypt")

Die 12 Göttinnen "auf ihrem See" verkörpern die 12 Nachtstunden; zwischen ihnen die endlos gewundene "Schlange der Zeit", die die einzelnen Stunden "gebiert" und dann wieder "vernichtet".

 

"Buch von der Erde", auch "Aker-Buch" genannt (Sonne als Scheibe dargestellt; Beschaffenheit der Unterwelt). Dieses "Buch" ist in königlichen Sargkammern der späten 20. Dynastie zu finden.

"Buch von der Nacht" (die nächtliche Sonnenfahrt wird in den Leib der Himmelsgöttin Nut verlegt)

"Buch vom Tage" (beschreibt die Reise der falkenköpfigen Tagessonne über den Himmel)

"Buch von der Himmelskuh" (der Himmel wird im Bild einer Kuh gesehen, an deren Bauch die Barken entlangsegeln); etwa gleichzeitig mit dem "Pfortenbuch" entstanden.

"Buch der Anbetung des Re im Westen" (sog. Sonnenlitanei; zählt die 75 verschiedenen Gestalten des Sonnengottes in der Unterwelt auf). Dieses Buch ist seit Thutmosis III. (18. Dyn.) in Königsgräbern belegt.

"Buch vom Durchwandeln der Ewigkeit" (aus der Spätzeit)

"Buch vom Atmen" (aus der Spätzeit); eine Sammlung von Sprüchen ähnlich denen des Totenbuches. Der Vorspann lautet: "Beginn des Buches vom Atmen, das Isis für ihren Bruder Osiris machte, um seine Seele zu beleben, um seinen Körper zu beleben, um alle seine Teile von Neuem zu verjüngen ..."

"2. Buch vom Atmen"; weitere Sammlung von Sprüchen. Ägyptologen betiteln es mit "Daß mein Name fortdauere" (weil das der Hauptaspekt dieses Buches ist).

In diesen Zusammenhang gehört m.E. auch das "Senet", ein Brettspiel, bei dem der Jenseitsweg des Verstorbenen nachvollzogen wird. Hierbei müssen viele Hindernisse und Gefahren überwunden werden. Das Motiv des "Senet" Spielens erscheint häufig in Grabmalereien (s. "Grab des Sennedjem"), um den unterweltlichen Weg des Verstorbenen symbolisch anzudeuten.

Auf einem der Goldschreine des Tutanchamun befindet sich ein kryptographisch (in verfremdeten Hieroglyphen) geschriebener Text; dieses "Buch" ist ungefähr gleichzeitig mit dem "Pfortenbuch" und dem "Buch von der Himmelskuh" (s.o.) entstanden. Das "Buch von der Himmelskuh" ist seit Tutanchamun (in seinem Grab) bezeugt. Eine der frühesten symbolischen Darstellungen des täglichen Sonnenlaufes ist das rätselhafte Unterweltsbuch Tutanchamuns auf einem seiner vergoldeten Schreine, das in Abhängigkeit von Amarna (Achet-Aton) steht und bisher ohne Parallele ist.

 

(7) Totenbuch-Papyri:

Papyrus des kgl. Beamten Maiherperi (18. Dyn., ca. 1450)
Papyrus des kgl. Beamten Nebked (18. Dyn., ca. 1400)
Papyrus des kgl. Architekten Cha (18. Dyn., ca. 1380)
Papyrus des kgl. Schreibers Nacht (19. Dyn., ca. 1300)
Papyrus des kgl. Schreibers Hunefer (19. Dyn., ca. 1280)
Papyrus des kgl. Schreibers Ani (19. Dyn., ca. 1250)
Papyrus des Bildhauers Neferrenpet (19. Dyn., ca. 1250)
Papyrus der Amun-Priesterin Anhai (20. Dyn., ca. 1100)
Papyrus des Amun-Priesters Chensumose (Chonsu-mes) (21. Dyn., ca. 1000)
Papyrus des Hohenpriesters Herihor (s. "Hohepriester von Theben")
Papyrus des Hohenpriesters Pinodjem I. (s. "Hohepriester von Theben")
Papyrus der Nesitanebtaschru, Tochter Pinodjems I. (21. Dyn., ca. 1025)
Papyrus der Tameniu (21. Dyn., ca. 950)
Papyrus der Priesterin Heruben (21. Dyn.)
Papyrus der Priesterin Henuttaui (21. Dyn.)

Osiris sitzt unter einem Baldachin zu Gericht; Isis und Nephthys
stehen hinter ihm, vor ihm die 4 Horus-Söhne auf einer Lotosblüte
(Kap. 125 des Totenbuches; Fortsetzung der Abb. vom Totengericht)

 

 

Osiris mit seinen Herrschaftssymbolen; hinter ihm seine Schwester-Gemahlin Isis,
die Hand um seine Schulter gelegt; vor ihm auf einer Lotosblüte die 4 Horus-Söhne
(Papyrus des Ani) (Britisches Museum London)
(Quellen der übrigen Vignetten: http://www.geocities.com - http://web.ukonline.co.uk)

 

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