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A. Die Neunheit von Heliopolis
Die Kosmogonie (Weltentstehungslehre) bzw. Theogonie (Götterentstehungslehre) der Priester von Heliopolis: Der Sonnengott ATUM ("sich selbst erschaffen"), aus dem Urozean "Nun" hervorgegangen, erscheint auf dem sog. Urhügel, der sich aus dem Urozean erhoben hat. ATUM, "der Nichtvollendete, der vollendet geworden ist" (Sargtexte), benötigt zu seiner Selbsterschaffung die Hilfe der Kräfte "Heka" (Magie), "Sia" (Personifikation der "Erkenntnis") und "Hu" ("das göttliche Wort"). Aus sich selbst erschafft Atum den Luftgott SCHU und TEFNUT, die Göttin der Feuchtigkeit. Diesem ersten Götterpaar entsprießen der Erdgott GEB und die Himmelsgöttin NUT. Aus der Verbindung von Geb und Nut entstehen OSIRIS, ISIS, SETH und NEPHTHYS. In diesem Mythenzyklus (der 3. Göttergeneration) steht OSIRIS im Mittelpunkt. |
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Erläuterungen (Hieroglyphen; hinter den
Götternamen: das entspr. Determinativ): (1) ATUM: 1. Schilfblatt (I); 2. Brotlaib
(T); 3. Unterarm mit Rundbrot in der Hand (M); 1.-3.: ITM, "item";
eigentlich "ITEM" zu lesen. (2) SCHU: 1. Feder (SCHU); 2. Wachtelküken
(U; Konsonanten-Wiederholung zu 1). (3) TEFNUT: 1. Brotlaib (T); 2. Hornviper
(F, "ef"); 3. Napf (NU); 4. wie 1. (T) (4) GEB: 1. Gans (GB, "geb"); 2.
Fuß (B; Konsonanten-Wiederholung zu 1). (5) NUT: 1. Napf (NU); 2. Brotlaib (T); 3. Himmel
(Determinativ).
Nut (Himmel) und Geb (Erde)
werden durch (6) OSIRIS: 1. Sitz, Thron (US); 2. Auge (IR);
also "USIR" zu lesen (grch. Osiris). (7) ISIS: 1. Sitz, Thron (AS, US); 2. Brotlaib
(T); eigentlich "ASET" oder "ISET" zu lesen (grch.
Isis; zu "A" und "I" s. unter "Hieroglyphen",
Sprachliches [1]). (8) SETH: Seth-Tier (Ideogramm für Seth) (9) NEPHTHYS: 1. Korb (NB; "neb");
2. Brotlaib (T); 3. Tempel, Wohnhaus (HUT); 4. wie 2.; 5. Haus (Determinativ?).
Nephthys (grch.) = ägypt. NEBET-HUT. Beiname der Nephthys: "Herrin
des Hauses" (s. "Kronen + Embleme").
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Der Gott HORUS, der Sohn des Osiris und der Isis, repräsentiert das ägyptische Königtum (daher die enge Verbindung zwischen dem Pharao und Horus). Später wird Horus für Seth (den Osiris-Mörder) in die Neunheit aufgenommen. Benu-Vogel mit Atef-Krone Außer der Götter-Neunheit wird in
Heliopolis (ägypt. Junu) der "Benu"-Vogel (Reiher) verehrt
(von den Griechen "Phoenix" genannt); dieser soll sich als
erstes Lebewesen auf dem Urhügel niedergelassen haben. Der Urhügel
hat seine Entsprechung in dem heiligen Stein "ben-ben" im
"Sonnenhaus" von Heliopolis. Das Wahrzeichen von Heliopolis
ist ein Obelisk mit vergoldeter Spitze. Der Benben ist möglicherweise
der Vorläufer der Pyramiden und Obelisken. Der (meist vergoldete)
Abschlußstein der Pyramiden und Obelisken, das "Pyramidion",
wird "benbenet" genannt.
Erläuterungen: (1) HELIOPOLIS: 1. Hieroglyphe: Säule mit
Zapfen (JUN); 2. Napf (NU; N: Konsonanten-Wiederholung zu 1); 3. Determinativ
(Ort). (2) "BENU"-Vogel: (Fisch-)Reiher als
Determinativ. (3) HORUS: Falke (Ideogramm für Horus).
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Mit "Neunheit" (äg. "pesedjet", grch. Enneade) werden also die 9 Götter von Heliopolis bezeichnet. Schließlich wird "Neunheit" zu einem feststehenden Begriff, der überhaupt die Gesamtheit der Götter eines Ortes umfaßt; so hat z.B. Theben eine "Neunheit" von 15, Abydos eine von 7 Göttern!
Erläuterungen
(Hieroglyphen): THEBEN: 1.
Was-Zepter (WAS); 2. Brotlaib (T); 1.+2.: WAST, "waset";
3. Determinativ (Ort) MEMPHIS: 1.
Brettspiel (MN; "men"); 2. Wasserlinie (N; Konsonanten-Wiederholung
zu 1); 3. Herz + Luftröhre (NFR; "nefer"); 4. Hornviper
(F); 5. Mund (R); 4.+5.: Konsonanten-Wiederholungen zu 3; 6. Pyramide
mit Umfassungsmauer (Determinativ für die Pyramide und die Pyramidenstadt
des Pharaos Pepi I. = Phiops I. bei Sakkara); 7. Det. (Ort). Mennefer
(daher grch. Memphis) bedeutet: "(Pepi ist) beständig und
schön" (dies ist der ursprüngliche Name der Pyramide
Pepis I.) HERMOPOLIS: 1. Zahl 8 (CHEMEN; s. "Zahlen + Maße"; "ch" wie in "Buch"); 2. Wasserlinie (N; Konsonanten-Wiederholung zu 1); 3. Krug (NU; N: Konsonanten-Wiederholung zu 2); 4. Wachtelküken (U; Konsonanten-Wiederholung zu 3); 5. Det. (Ort)
B. Die Achtheit von Hermopolis
In Hermopolis = äg. Chemenu ("Stadt der 8") wird eine Achtheit von Göttern (äg. "chemeniu", grch. Ogdoade) verehrt. Diese 8 Götter herrschen - gemäß der Götterlehre von Hermopolis - vor der Entstehung der Welt. Es handelt sich dabei um 4 Götterpaare, die die Urkräfte symbolisieren: Nun + Naunet (Urozean), Heh + Hauhet (Unendlichkeit des Raumes), Kek + Kauket (Finsternis) sowie Amun + Amaunet (Verborgenheit, Unsichtbarkeit). Das erst- und letztgenannte Götterpaar kommt in den Pyramidentexten vor (ca. 2350). Amaunet, Gattin des Amun (Karnak)
Pektoral der Sathathorjunet: Gott
Heh Dieses schöne Schmuckstück stammt aus dem Grabschatz der Sat-hathor-junet (Sit-hathor-yunet), der Tochter Sesostris´II. (12. Dyn.). Die Kartusche des Königs (mit seinem Thronnamen Chacheperre) wird von 2 Falken gehalten; darunter der Gott Heh, in jeder Hand eine Palmenrippe haltend (das Zeichen für "Ewigkeit" oder "1 Million Jahre"). Außerdem hängt an seinem rechten Arm noch das Hieroglyphen-Zeichen "Kaulquappe" für 100.000 Jahre (s. auch "Zahlen + Maße").
Der Name der Stadt geht bis in die 5. Dyn. zurück. Chemenu ist der Hauptkultort des Gottes THOT; da die Griechen ihren Gott Hermes mit Thot gleichsetzen, nennen sie diesen Ort "Hermopolis" ("Hermupolis"). Die 4 Urgötterpaare (s.o.) des vor der Schöpfung herrschenden Urchaos erschaffen den Sonnengott RA (die Sonne).
C. Die Schöpfungslehre von Memphis
Die memphitische Theologie konzentriert sich auf die Erscheinungsformen des Gottes PTAH. Ihre Version der Kosmogonie ist die "Schöpfung durch das Wort". Durch "Herz und Zunge" (Gedanken und Worte) hat Ptah (s. "Gottheiten 3" [10]) die Welt und alle Dinge (durch Nennung ihrer Namen) erschaffen. Bronzefigur des Ptah
D. Die Schöpfungslehre von Theben
Die thebanische Kosmogonie greift auf Elemente aus der heliopolitanischen, der hermopolitanischen sowie der memphitischen Lehre über die Erschaffung der Welt zurück. Nach der erneuten Reichseinigung durch Mentuhotep II. beginnt mit der 11. Dynastie das MR mit Theben als Reichshauptstadt. Der kriegerische Month (Mentju; s. "Gottheiten 3" [7]), Gaugott von Theben, wird von dem kaum bekannten thebanischen Lokalgott Amun allmählich verdrängt, der seinerseits bald darauf zum Reichsgott aufsteigt. AMUN, der ja bereits zur "Achtheit von Hermopolis" gehört, wird ins Zentrum der neuen Lehre gestellt. Durch den Kunstgriff der Gleichsetzung Amuns mit dem Urgott Tatjenen (s. "Gottheiten 2"), der Personifikation des Urhügels, sowie mit Ptah (s. "Gottheiten 3" [10]), der bereits vor Amun der Reichsgott war, wird Amun zum "Vater" der Achtheit und tritt als Erzeuger an die Spitze dieser 8 Urgötter, deren Teil er anfangs war. Durch den theologischen Trick, daß Amun als Schöpfergott den Sonnengott Ra (Re) erschaffen hat, wird Amun über Ra gestellt (später verschmelzen beide Götter zu Amun-Re). Den "Vater der Achtheit von Hermopolis" verkörpert Amun in Gestalt einer sich häutenden Schlange (Symbol der Schöpfung), des "Kematef" ("der seine Zeit vollendet hat") und wird daher zu "Amun-Kematef" (s. "Gottheiten 1"); somit gilt Amun als der sich selbst erschaffende Schöpfergott. Indem Amun in der Spätzeit auch noch als Erzeuger des Ptah apostrophiert wird, avanciert er - gemäß der Lehre der Amunpriester von Theben - zum obersten Schöpfergott Ägyptens.
E. Sonstige Schöpfungsmythen
Der Auffassung der Ägypter zufolge ist die Schöpfung nicht nur ein einmaliger Vorgang, der am Beginn des Universums stattfand, sondern der auch tagtäglich oder jahreszeitlich bedingt zu beobachten ist, wie z.B. das aus den Nilüberschwemmungen nach dem Rückgang des Wassers auftauchende Land, das mit dem "Urhügel" assoziiert wird; der scheinbar wie von selbst aus der Dungkugel entstehende Mistkäfer (Skarabäus); der mit dem Schöpfungsvorgang besonders verbundene Sonnengott (Aufgang, Tagesreise, Untergang) als sichtbares Zeichen für die - täglich sich wiederholende - zyklische Natur der Schöpfung. Der Widdergott CHNUM (s. "Ka, Ba + Ach" und "Gottheiten 3": Anuket [22]) gilt auch als Schöpfergott, da er die Menschen und die Welt auf der Töpferscheibe formt (von daher sein Beiname "belebender Bildner"). Chnum in widderköpfiger Menschengestalt
Nach dem Mythos vom Ur-Lotos entsteigt der Schöpfergott einer
Lotosblüte, die auf den Urhügel angetrieben worden war,
der sich aus den Urgewässern des "Nun" (Urozean) erhoben
hatte. Der Kindgott NEFERTEM (s. "Gottheiten 3" [8]) gilt
als Personifikation dieses Ur-Lotos (s. auch "Tutanchamun",
Tuts Lotos-Kopf). Die Vorstellung vom "Ur-Ei" wird je nach lokaler Tradition
abgewandelt und den dortigen Schöpfungsmythen angepaßt.
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